Sonntagsblues

Dumpfe Unzufriedenheit rumpelt durch meinen Bauch. Ein Klumpen aus Enttäuschung, Verwirrung, Erschöpfung und Orientierungslosigkeit liegt mir quer. Ich frage mich, ob diese Baseline bleibt oder ob die Aufarbeitungs- und Erholungskur, die ich mir für’s nächste Jahr verschrieben habe*, da was machen wird.

Wieso sind so viele meiner Freunde Männer, obwohl Männer mich immer mehr nerven? Sie begreifen so vieles nicht, sind schwerfällig und selbstbezogen und rücksichtslos.

Mein Arbeitskollege, mit dem ich im Keller Pakete packe und Papierkugeln in Postkisten schieße, ist auch ein Mann – und er ist richtig cool. Wir verhalten uns wie jahrelange Freunde, das hat Potential . Ich will aber doch Frauen!

Der Tänzer ist warm und zart, aber auch flüchtig und unzuverlässig. Ein Jahr lang Funkstille, dann taucht er plötzlich auf, lädt mich ein auf seinen Hof draußen am See. Nachdem ich ihn letzte Woche dort besucht habe, wollte er heute herkommen und mich auf ein Bier treffen, aber der Bahnstreik funkt dazwischen. Liegt’s daran? Ich bin argwöhnisch. Hänge so viele Hoffnungen an diese Freundschaft, wittere Enttäuschung. Vielleicht liegt hier ein grundsätzlicheres Problem in meinen Freundschaften: Zartheit und Empfindsamkeit bedeuten oft auch geringe Belastbarkeit und weniger Zuverlässigkeit, weil immer alles ausgehandelt und den Sensibilitäten der Einzelnen entsprechend abgemacht werden muss. Und im Zweifel kommt einfach der Weltschmerz, die Erschöpfung oder die Muße zu was anderem in die Quere. Ich wiederum bin sehr gut im Rücksichtnehmen und mich begnügen. Wo da jeweils der gesunde Punkt liegt, wird sich wohl bloß im Einzelfall herausfinden lassen. Gut meinem Bauch zuhören, das will ich.

Ich bin auf der Suche nach neuen Freunden, nach nährenden und warmen Kontakten, mit denen ich die Löcher des letzten Jahres langsam wieder füllen kann. Und langsam mal ein stabiles soziales Umfeld aufbauen, das versuche ich. Ich frage mich, wie mir das gelingen soll, wo ich gerade wegen dieser Durststrecke des letzten Jahres so kraftlos bin, dass ich gar nicht weiß, wie ich noch Körner für neue Begegnungen zusammenkratzen soll.

Du bist in Berlin. Meine Aufmerksamkeit schwenkt zu dir, besonders an den Wochenenden, wenn ich mich hier im Sommerloch allein und verlassen fühle. Das wird dir nicht gerecht, ich weiß. Was will ich von dir, nachdem du mir drei Jahre lang dabei zugeschaut hast, wie ich mir an jemand anderem immer wieder die Nase stoße und doch nicht aufhöre, gegen seine Mauern anzulaufen? Taumele ich jetzt aus purer Resignation in deine Arme? Nein, ich will meinen Stand wiederfinden, schauen, was ich da brauche und dann bewusst auf dich zugehen. Aber wie finde ich meinen Stand? Was brauche ich dafür? Kannst, willst und sollst du mir dabei helfen?

*Was soll dazu gehören? Ein Jahr Uni, Philosophie ohne ihn erleben, Türkisch lernen, in Gesundheitspolitik reinschnuppern, Samba trommeln, Akkordeon spielen, Tanzen, Körper, Basketball spielen, kochen, reden, streicheln – aber wen? Kann ich mich von irgendwem außer ihm streicheln lassen? Geht das überhaupt noch? Kann ich irgendwelche anderen Hände auf mir genießen? Wie macht man weiter nach so einer gescheiterten Liebe?

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