Meine älteste Freundin kommt zu Besuch, mit ihrem neuen Freund. Schon vorher schwant mir, dass der Besuch anstrengend werden könnte, denn mit uns steht eine kleine Familie Elefanten im Raum; sie schlackern mit den Ohren, schütteln ihre Rüssel, schauen uns zu, wie wir sie angestrengt nicht zu sehen vorgeben. Dupdidum. Außerdem geht es mir nicht gut genug, als dass ich eine angenehme Gastgeberin sein könnte, für irgendwen, was auch immer das heißt. Ich fühle mich in den Tagen, in denen sie hier sind, meist taub, unsichtbar und winzig.
Habe das Gefühl, diese fast völlige Wirkungslosigkeit teils mit heraufbeschworen, zumindest bereitwillig gelebt zu haben, indem ich mich unter den antizipierten Erwartungen der beiden, die mit so viel Dominanz ihr neugewonnenes Team ausspielen, begrabe, ihre vernichtenden Blicke immer schon vorwegnehme und in vorauseilendem Gehorsam alle negativen Urteile pflichtschuldig erfülle. Ich will gut für sie sein, in ihren Augen bestehen. Und dann streikt da etwas in mir – ihren Konzertabend gestern habe ich insgeheim wohl boykottiert, denn ich habe mich sage und schreibe gar nicht um Publikum bemüht,was als Local und Gastgeberin (s.o. keine Kraft und so) wohl meine Aufgabe gewesen wäre. Außer ein paar halbherziger Posts in irgendwelchen Telegramgruppen, in denen ich mitlese, sage ich keinem Menschen bescheid (Sind die gerade wirklich alle im Urlaub? Und wer sind eigentlich die?). So lässt sich keine Crowd generieren, das weiß ich. Und hab’s drauf ankommen lassen. Also sitzen wir zu acht in der Kneipe, zwei davon vom Thekenteam. Den Stecknadeltest machen wir nicht, aber wir könnten. Das wollte ich ihr (mir?) vielleicht beweisen: Ich bin ok damit, dir keinen menschengesäumten roten Teppich ausrollen zu können, wenn du kommst. Mir geht’s scheiße und ich bin gerade meist allein, nix mit Tango und Doktor.
Ein bulliger Elefant stupst: diese großspurige Art, mit der sie durch ihr Leben stolziert, laut, fordernd, selbstbezogen, nervt mich zunemend. Subjekt imperialen Seins. Ich denke an meine Mutter, die meine Kindheit lang diese Freundschaft unterwandert hat, manchmal mit ähnlichen Beobachtungen. Problem: Ich war 12 und hätte Unterstützung bei der Bewältigung meiner teils ungesunden Kindheitsfreundschaft gut gebrauchen können, jedenfalls eher als wütende Verbote oder herablassende Verurteilungen. Ich denke an die andere Freundin, die die Krallen ausfuhr, wann immer der Name von Freundin 1 fiel. Freundin 2 ist allerdings auch keine einfache Zeitgenossin und insgesamt ziemlich krallig unterwegs. Hatte im Lockdown Kontakt zu ihr aufgenommen, um den Spuren von Liebe und Freude in Uns nochmal nachzugehen und zu schauen, wohin das führen könnte – sie hat nach Brief und Nachricht nicht mehr geantwortet. So ist das wohl mit Labyrinthen, ohne Sackgassen kommen nur die wenigsten hinaus. Und ist das nicht sowieso langweilig, nie vor die Wand zu rennen?
Hallelujah, und da soll man sich orientieren. Wie kann Ungesundes, Schiefgegangenes, Verfehltes in Freundschaften untergebracht werden?
Zurück zum Besuch: Wenn sie in den Cafés der Stadt Bohéme spielen, heule ich mir die Splitter von Uns aus meinem geschundenen Körper, was herzzereißend weht tut, aber befreit.
Fetzen: Wie bei Dir, sind auch bei ihr viele Reaktionen von mir lieben Menschen, deren sechsten Sinnen ich viel zutraue, verhaltener als ich erwarte. Und überhaupt entdecke ich frappierend viele Parallelen zwischen Dir und ihr, bzw. mir mit Dir und ihr. Ich will das alles meiner Therapeutin vor die Füße werfen und rufen:“ Mach was draus!“. Sie ist im Urlaub, noch zwei Wochen, heiliger Strohsack.
Fetzen II: Ich mag die kleine Kellerkneipe. Will sie mir als meinen Raum (zurück)-holen, ohne dieses ganze Gedöns.
Vielleicht bin ich einfach neidisch, weil sie und ihr Freund alle zwei Häuserblocks schmusend aneinander kleben, während ich im (Liebes-)Kummer meines Lebens irgendwie den Kopf über Wasser halte.
Ich finde mich hässlich, langweilig, schwach und stumpf und frage mich, wie mich überhaupt jemals irgendein Mensch ernsthaft hat mögen können.