Ich besuche die Stadt, aus der ich komme. Nach zermürbenden Monaten, in denen ich mich eingesperrt gefühlt habe und nicht wusste wohin, jetzt dieser Befreiungsschlag. Zug fahren, Bahnhöfe, vorbeirauschende Schrebergärtensiedlungen – ein Wunder! Um ein Haar wäre er gescheitert, weil mich pünktlich am Mittwochabend die Pandemie in Form von möglichem Kontaktpersonsein erwischt. Zwei negative Schnelltests und ausführliche Rekonstruktion der Lage später sitze ich Donnerstag im Zug, mit einem Rest schlechten Gewissens, das meiner Dringlichkeit, mich dieser Stadt als einem Zufluchtsort zu vergewissern, aber schließlich unterliegt.
Wirklich? Diese Stadt? In der die größten Dramen meiner Jugend gespielt haben, Dramen, deren Drehbücher bis heute meine Erzählung von mir selbst bestimmen?
Mittlerweile ist meine kleine Virusblase zeplatzt, weil meine Kontaktperson heute ihr negatives PCR-Ergebnis vermeldete. Viel Lärm. Kurzes Auftauchen aus dem Blubberbad, das da weiter vor uns liegt.
Mein Vater ist fürsorglich, beobachtet mich, fragt mich, ob ich mich fremd fühle, vermittelt zwischen mir und seiner Frau, schaut mich viel an. Sein Wille, mein Vater sein zu können, ist fast mit Händen zu greifen, so deutlich strömt er aus ihm hervor.
Meine Therapeutin schaltet sich online auf den Dachboden meines Vaters dazu und ich bin froh, mit ihr gemeinsam hier sein zu können. Anerkennung für die Entwicklungen mit Papa, kurze Vorbereitung auf den Spaziergang mit meiner Mutter, Nachwirken des Mitbewohnerstreits am Mittwochabend und dann immer wieder ganz viel Du. Ich fühle mich plötzlich so stark, so bei mir, mir meines Wissens um mein Ja zu dir so gewiss, dass es mir fast unheimlich ist und ich mich – und meine Therapeutin – frage, ob ich da wohl irgendwas überstürze. Geht es mir um dich? Oder habe ich Angst vor mir ohne dich? Ne, finden wir beide. Und dann ist es gut. Und wieder dumpfe Skepsis, dass es mir nach der Therapie zu gut geht, unverdient gut.
In all dem bleibt das Gefühl, noch nicht in einer Lage zu sein, in der ich mich auf mich und mein Leben so ganz verlassen kann – aber vielleicht ist das hier der Anfang. Zwischendurch immer wieder das Sitzen, wenn „der Weltschmerz kickt“ (danke, Mine!), oder Angst oder Erschöpfung.
Dran bleiben, wo’s am schwersten ist, da liegen wahre Schätze.