Ich wache um 5.98 auf, zwei Minuten vor sechs, zwei Minuten vor Wecker, typisch für Morgende, an denen ich Pläne habe, denn Pläne sind anders als meine jüngst entdeckte Aufstehroutine: gemächlich meinen augenblicklichen Neigungen hinterherträumen, Corona macht’s möglich (endlich sehe ich mal ein Pandemieplus). Pläne leiten mich schnell zurück in die gerade verlassenen aber keineswegs vergessenen Muster eines nervösen Workaholics.(Aus Protest gegen Deinen snobby Kommentar zu meinem Chopin sehr blechern und sehr unsanft scherbelnden Nokia belasse ich das Geschrammel als Weckton, ha! Dass ich jetzt aufwache in dem Gefühl, da wäre doch irgendwie mehr drin, nehme ich als notwendigen Kollateralschaden der guten Sache billigend in Kauf…Choose your battles halt.)
Erstmal ist dann nicht viel mehr drin, gehetzt und flattrig vom Kaffee – ohne habe ich mir den Tag nicht zugetraut – verpasse ich meinen Zug, weil ich wie ein gescheuchtes Häschen von der scheinbar gesperrten (war sie nicht) Bahnstation bei mir um die Ecke zum Hauptbahnhof eile, wo die Bahn bereits gemütlich an mir vorbei tuckert. Das verunsichert mich dermaßen, dass ich heulen und die Aktion abblasen will, woran mich bloß die Verpflichtung der festen Verabredung hindert. Eine halbe Stunde später als gedacht, mit Ohnefahrscheinerwiscktknöllchen – Premiere – und von der vorausgegangenen durchaus handfesten, wenn auch ungünstigen Interaktion mit dem Schaffner geerdet, werde ich samt Rennrad* in einer Horde wuseliger Schulkinder, die sich gegenseitig irgendwas auf YouTube zeigen, auf den Bahnsteig gespült. In Zuspätmanier brause ich das letzte Stück vom Provinbahnhof zum Dorf, in dem ich heute bei der Weinlese helfe, in Wahrheit aber eigentlich die Familie besuche, für die ich vor Jahren mal viele Monate lang gearbeitet habe. Während ich über die zugigen, morgenfrischen Felder fliege, wo statt Streuobstwiesen mit knorrigen Apfel- und Pflaumen- und Birnen – und Kirschbäumen jetzt öde Maisfelder den Weg säumen, erinnere ich mich, wie gern ich damals hier war, aber auch, dass es mir wirklich schlecht ging, ohne dass ich das einen Menschen hätte merken lassen. Mich selbst inbegriffen. In mir steigen kontrastreiche Bilder auf; ich, die Traktor fährt und Bäume fällt und am Lagerfeuer Selbstgebrannten trinkt, und ich, die, inständig hofft, die nächste Runde Kuchen wie die etlichen Runden Apfelschorle, Müsliriegel und Vesperbrot zuvor unbehelligt abwimmeln zu können. Ich, die stark und schön von ihren Ideen erzählt, von der Medizin und vom Landbau, vom Begegnen und Fühlen, und ich, die sich tief in den Widersprüchen ihres verschlossenen Leidens verstrickt, die Leichtigkeit dermaßen erzwingt, dass sie zur leblosen Maske erstarrt. Die Lese läuft glatt, scherenklappernd pflügen wir durch die Reben, volle Eimer zum Bottich wuchten, leere Eimer stapeln und beim Traubenschneiden neben sich herbugsieren, Sprudelpause am Kofferraum, Vogelzwitschern, klebrige Finger, Fendtgeknatter und Benzingestank. Ihr beschwört mich, nicht wieder fünf Jahre bis zum nächsten Besuch zu warten, und ich gelobe regelmäßige Fahrradtouren zum nahegelegenen Baggersee mit Abstechern in euren obststrotzenden Garten. Mit euch zum Tee, nicht zum Mundraub, versteht sich. Als ich am späten Nachmittag in sengender Hitze den Heimweg antrete, durch die verschlafenen Örtchen radele, die in Serpentinen die Weinterassen durchschlängelnden Lösswege hinaufkrieche und hinunterbrettere, ist alles gut. Das Radfahren ist der Grund, warum ich mich gesammelt und gebunden fühle, als hätte sich eine Folie über mich gelegt, die mir Festigkeit und Glätte verleiht, wie die Haut meiner am Bergantritt gespannten, braunen Oberschenkel unter mir; es ist der Grund, warum der Tag sich wie eine reife runde Frucht von mir pflücken lässt.
*Dass es bei mir ist, und wie es bei mir ist, ist ein Geschenk des letzten Jahres.