Zurück in der Zukunft angelangt, ist mein Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Das klingt nach erstem Ankommen in der Akademie und aufstrebender Karriere und solchen merkwürdigen Sachen. Irgendwie ist das hier aber hauptsächlich diffus und unheimlich. Mich beschleicht nachdrücklich das Gefühl, diese Stelle nicht verdient zu haben, so sehr ich die Wege, die mich hergeführt haben, auch nachzeichne: Medizinstudium mit schreiendem Bedürfnis nach mehr richtigem Denken, Philosophiestudium mit Begegnung des strubbeligen, weichen Professors, Körperbild-Workshops und Entdeckung der Kunst, Begegnung des geekigen, sprudeligen Professors, Stellenangebot, Verhandlungen, Begegnung des USA-Projektpartners, Rechercheaufgaben, Ethikantrag, Videokonferenzen… Das sind doch genügend Gelegenheiten, anlässlich derer Einem/r (leider hauptsächlich Einem) der Beteiligten hätte auffallen können, dass ich nicht geeignet bin. Anstatt das Ausbleiben einer solchen Erkenntnis zu werten als „Ich bin geeignet“, hänge ich fest an jeder Aufgabe, die ich meiner Meinung nach nicht gut genug erledigt habe und die mich deshalb auch nachträglich noch disqualifiziert: Die Recherche über fünf Philosophen, die ich als Stückwerk eingereicht habe, obwohl ein Fließtext gefordert war (was mein Professor mir erst Wochen nach Auftrag gesagt hatte), die Konferenz in Lissabon, bei der ich kurzfristig einen Vortrag zurückgezogen habe (den ich allerdings niemals zu halten angekündigt hatte), und diverse kleine Missverständnisse und Holprigkeiten, die ich alle mir selbst anlaste. Ich bin halt komisch und unfähig, ist doch klar.
Im Moment drückt mich, dass ich ab jetzt gerne Pause machen würde mit dem Ethikantrag, der eigentlich nur Brotjob sein soll, denn darüber hinaus soll will ich kreativ und inspiriert über mein Thema reflektieren, um daraus ein Paper zu schreiben. Eigentlich will ich auch damit Pause machen, beziehungsweise: vor dem Examen erst gar nicht mehr anfangen. Ich habe Lust, aber in mir ist Eine, die bremst. Ist es Angst oder Vernunft, die mich zurückschrecken und das Examen sowie die Hausarbeit fürs letzte Semester vorziehen lässt? Vernunft, glaube ich, denn wenn ich nach vernünftigen Argumenten suche, werde ich fündig:
- Ich habe mich nach freiem Philosophiestudium gesehnt und auf die Hausarbeit habe ich echt Bock: Nichts, Tod und das liebende Miteinander, basierend auf Sein und Zeit.
- Ein Staatsexamen, dessen Lernaufwand man mit Fug und Recht als ausschließliche Aufgabe betrachten könnte, möchte ich neben maximal einer zweiten größeren Aufgabe bewerkstelligen müssen.
- Ich habe seit geraumer Weile gelebt wie im Zeitraffer und meine Tage vollgestopft bis Atmen schwer fiel, damit höre ich gerade auf und sortiere Tätigkeiten aus.
- Ich habe immer wieder Angst, mein Thema sei nicht interessant, relevant, nützlich genug, als dass ich mir erlauben könnte, mich damit zu beschäftigen geschweige denn, mich für diese Beschäftigung bezahlen zu lassen. Vielleicht drücke ich mich vor der Auseinandersetzung mit dieser Frage, was in Anbetracht der Lage momentan aber wiederum vernünftig ist und getrost auf nach dem Examen vertagt werden darf*.
- Ich habe Angst, insbesondere der freien Recherche und dem Schreiben des Papers nicht gewachsen zu sein. Ich habe Angst, keine Einfälle zu haben, nicht zu verstehen, worum es geht, mich völlig zu blamieren, kläglich zu scheitern am Nachdenken und zu merken, dass ich eigentlich ein bisschen schwer von Begriff und von meiner Umgebung überschätzt bin.
*An diesem ominösen Ort „Nach dem Examen“ häufen sich die Vorhaben. Auszugsweise: Zeit für Spaziergänge, Sport nach Lust und Laune, Kochen und Ernährung, Freunde, Stadterkundung, Lesen, Massagen, Politisches Engagement, Therapie ernst nehmen. Ich frage mich, ob ich mir damit was vormache, oder ob angesichts der überformenden Rolle, die ich dem Medizinstudium habe zukommen lassen, die Befreiung von diesem Deckmantel tatsächlich mit einer Explosion der freien Entfaltung einhergehen wird…dupdidu.