Lass mich //Challenge accepted

Ich gehe ins Kino. Mit einem runden Heute im Gepäck breche ich auf ins herbstliche Dämmern, in der frischen Abendluft Harold and Maude anzuschauen (das Sommernachtskino wurde verlängert!). Auf dem leidlich reparierten Rad rumpele ich durch die kleinen Straßen. Die Straßen, die mein Zuhause geworden sind; die Straßen, auf denen ich gelernt habe, dass Sein schön ist. Einfach nur, weil das verwunschene Haus auf dem Weg in den Wald so ruhig am Hügel liegt, fahre ich dort vorbei, und weil der Bach so gemütlich unter der gebogenen Brücke hindurchfließt, fahre ich über sie hinüber (habe ich schon gesagt, wie schön die Stadt, in der ich lebe, ist, meine Stadt?). Dass manchmal ein sich zäh dahinziehender Moment der Hemmung zwischen mir und dem einfachen Hinausstromern in diese Straßen liegt, dass der Aufbruch verzögert wird durch Angst vor der Fremde, verwirrt und ärgert mich. Ich wünsche mir, bald müheloser vom einen Zuhause ins nächste übergehen zu können.

Das ist das Eine. Eigentlich habe ich mich aber hierher beordert, weil Etwas am Ins-Kino-Gehen sich schwierig anfühlt. Dieses Etwas ist die Tatsache, dass ich mit Dir, dem – tja, halt schwierigen Mitbewohner hingehe.

Du hast mich heute gefragt, ob ich Lust habe, und weil das der Film ist, den ich über die Maßen liebe und seit Monaten wechselnden Mitschauenden anzudrehen versuche, und weil ich weiß, dass Du das weißt, und weil Sommernachtskino, und weil langer Arbeitstag mit Feierabendbedürfnis, sage ich ja. Schon als ich das tue, lege ich mich mir selbst quer in den Bauch, denn ich weiß, dass es eigentlich zunächst mal einigen Gesprächsbedarf gäbe. Das habe ich schon bemerkt, als ich Dir aus Hamburg von meiner Rückkehr geschrieben und bei Deiner freudigen Nachricht geargwöhnt habe, dass Du Dich nur auf irgendein Außen freust, gegen das Du Dich in Deiner Wochenends-Anfangdreißiger-Berufstätigen-Lostheit werfen kannst, um Dich zu beleben. Ich habe Phantasien, wie Du schwarz gekleideter und blutleerer Vampir durch mein Leben ziehst, um Dich an meinen Lebensgeistern zu bereichern. So weit hergeholt ist das nicht: Wie Du meine Musik shazamst, sie aus jeglichem emotionalen Zusammenhang reißt und Dir zu irgendeiner Tages- oder Nachtzeit durch Deine plärrenden iPhone-Lautsprecher um die Ohren schallern lässt, verletzt mich und fühlt sich an, als nähmst Du Dir meine fein gemeißelten Sandsteine und Klinker, um sie dann achtlos auf einen Haufen zusammenzuwerfen. Wenn ich nach Hause komme, höre ich durch deine geschlossene Tür – wieder – plärrende Lautsprecher, diesmal irgendeine abgeranzte 90-er Serie, mit der Du Dich zum X-ten Mal so lange betäubst, bis Du jegliche Deiner eigenen Wahrnehmungen vergessen hast. Antizipierend, dass Du die letzten drei Stunden so verbracht hast, macht es mich beim Heimkommen stocksauer, dass Du vom Zufallen der Wohnungstür oder irgendeiner anderen meiner Lebensäußerungen aus Deiner Lethargie wachgerüttelt wirst und immer genau dann aufgekratzt in die Küche gehastet kommst, das Schlachtfeld deiner letzten Mahlzeit aufzuräumen, wenn ich mir was zu Essen machen will. Damn, kreiere deine eigene Energie und hör‘ auf, aus meinen Quellen zu trinken ohne nachzufüllen!

Nachtrag: Im Kino war’s – na klar – schön. An die alten Gemäuer eines Klosterinnenhofes geworfen, haben die Beiden mich zum ich weiß nicht wievielten Mal mit all ihrer überzeichneten Freiheit und naiven Liebenswürdigkeit, die aus dem fruchtbarsten Seelenboden von allen, der Begegnung mit dem Tod, erwachsen, in mein kleinstes größtes Ich verwandelt; die miese Tonmischung ist geschenkt.

Wir spazieren nach dem Film nach Hause und besprechen das Gesehene, was sich zum Glück gar nicht anfühlt, als hätte ich Dir einen kostbaren Schatz vergebens enthüllt.

Zuhause fragst Du mich dann, wie es mir mit dem Auszug unseres Mitbewohners, mit dem Du nervige gemeinsame Zynismus-und-Stumpfheits-Sache gemacht hast, geht. Wahrheitsgemäß antworte ich, dass ich mich auf neue Dynamiken und frische Begegnungen freue, auf lebendigeres Miteinanderleben, auf regeren Austausch, inspirierenderes Zusammenkommen, was ich – nicht ganz wahrheitsgemäß – weniger enthusiastisch formuliere. Und da tut er sich auf, der Abgrund, der schon seit meiner Rückkehr und eigentlich weit länger unter der geschlossenen Oberfläche zu brodeln schien: „Ich glaube nicht, dass ein neuer Mensch derart tiefgreifende Veränderungen bewirken kann, das muss man schon selber machen“ – knallst du unwirsch und ohne Augenkontakt in die in diesem Moment merkwürdig kahle Küche. Verlass Dich drauf! – denke ich und gehe mit meinem Verbene-Tee ins Bett.

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